Vanessa Weber

Vanessa Weber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Sie war Promotionsstipendiatin des Graduiertenkollegs „Lose Verbindungen. Kollektivität im digitalen und urbanen Raum“ (2015-2017) und promoviert derzeit an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsinteressen umfassen Kultur- und Medientheorien ebenso wie Science and Technology Studies. Sie interessiert sich insbesondere für die Materialität des Sozialen sowie seine ästhetischen, sinnlichen und affektiven Dimensionen. In ihrer Promotion entwickelt sie eine Sozialtheorie des (algorithmischen) Filterns, in der im Anschluss an relationale Ansätze (Bruno Latour, Michel Serres und Karen Barad) Praktiken der Erzeugung neuer Kollektivität beleuchtet werden. Sie ist Lehrbeauftragte für soziologische Theorie an der Universität Hamburg und war Lehrbeauftragte für Urban Studies an der HafenCity Universität.

 

Filtern. Eine mediale Praxis

Die Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten durch das Internet führt zeitgenössisch zu einer allumfassenden Vernetzung von Menschen und Dingen, in der unentwegt Daten über die in der Welt ablaufenden Prozesse gesammelt werden. Jede Eingabe auf einer Tastatur, jede Berührung eines Touchscreens, jeder Mausklick ebenso wie jede Bewegung in öffentlichen Räumen können zur Erfassung von Daten führen. Eines der wichtigsten Organisationsprinzipien dieses datenbasierten Vernetzungsgeschehens sind Prozesse des Filterns, die sich im Verborgenen computerisierter Umgebungen vollziehen. Durch sie wird versucht Ordnung in das Rauschen des Datengewirrs zu bringen. Als Algorithmen sind diese Prozesse des Filterns eingebunden in mediale Operationsketten, durch die Verbindungen zwischen Menschen, Dingen, Software und Daten entstehen. Sie entfalten sich innerhalb verteilter Handlungsträgerschaft zwischen diesen unterschiedlichen Akteuren, wobei diesem Zusammenspiel eine ihm eigene Performativität innewohnt, indem sie etwas Tun und Wirkungen erzielen. Die Verbindungen, die sie innerhalb ihrer verteilten Handlungsträgerschaft und ihren multiplen Wirkungen und Wechselwirkungen erzeugen, lassen sich nicht als stabile und feste Beziehungen beschreiben, sondern diese sind ephemer und flüchtig. Die hybriden Verbindungen, die die Prozesse des Filterns hervorrufen, sind mit den klassischen Konzepten des Sozialen nicht mehr zu erfassen. Denn obwohl die algorithmischen Prozesse des Filterns immer wieder zu kurzfristigen Stabilisierungen führen können, zerfallen diese vielleicht schon innerhalb des nächsten Moments, um sich auf andere Weise erneut zu verbinden. Sie lassen sich nicht einordnen in eine Sphäre des Kulturellen oder des Natürlichen, des Menschlichen oder des Technischen sowie des Realen oder Virtuellen. Als Algorithmen sind sie eingebettet in komplexe Umgebungen, in denen es unentwegt zu Übersetzungen, Vermittlungen und Transformationen kommt, die eindeutige Grenzziehungen obsolet werden lassen.

Im Forschungsprojekt wird den Fragen nachgegangen, wie die unterschiedlichen Prozesse des Filterns, die ephemere und flüchtige Verbindungen erzeugen, beschaffen sind, welche Infrastrukturen sie erzeugen und wie sie sich vollziehen. Wir werden sehen, dass sich unterschiedliche, sich jeweils wechselseitig bedingende Prozesse des Filterns identifizieren lassen: Erstens Prozesse des Durchlassens und Blockierens, zweitens Prozesse des Teilens und Verstärkens und drittens Prozesse des Entfernens und Hinzufügens. Es wird sich zeigen, dass die medialen Austauschprozesse des Filterns ephemere und flüchtige Verbindungen schaffen, die sich keineswegs auf die Funktionsweise des Reinigens beschränken, sondern unentwegt zu Verunreinigungen führen. Dies dadurch, dass sie nicht – wie es die Informatik imaginiert – zur Reduktion der Datenflut führen, sondern indem sie immer auch Etwas hinzufügen und in die Ordnung, die sie erzeugen sollen, neue Unordnungen sähen. Auf der einen Seite verbinden sie die virtuelle Welt mit der physischen Welt und lassen diese Unterscheidung selbst wieder obsolet werden. Auf der anderen Seite führen Sie zu Verzerrungen und Emergenz, indem sie das Rauschen, das sie bekämpfen soll, selbst erzeugen.