Steffen Krämer

Steffen Krämer ist Stipendiat im Graduiertenkolleg „Lose Verbindungen: Kollektivität im urbanen und digitalen Raum“ an der Universität Hamburg. In seiner Dissertation untersucht er Datenkollektive anhand von epidemiologischen Kontrollsystemen und ihren operativen Bildverfahren, vor allem der Kartografie. Bis 2015 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Cottbus-Senftenberg und lehrte und forschte in den Bereichen Medienwissenschaft und Architektur. Seit 2012 hat er verschiedene Dokumentar- und Forschungsfilme realisiert mit Forensic Architecture an der Goldsmiths University London.

 

Epidemien und topologische Erfahrung

Die Imagination von Epidemien ist bestimmt durch die operative Form der räumlichen Ausdehnung, entlang sozialer Verbindungslinien oder in der Fläche der Geographie. Außerdem übernehmen sie die Funktion des sidekicks, der immer auch Sozialität mit-figuriert, eben Epi-Demos im Sinne des Wortes ist. Auch das starke philosophische Interesse der letzten Dekade an der Metapher der Epidemie verdeutlicht ihre figurative Kraft und vor allem einmal mehr ihre topologische Bedeutung. Die Figur der Epidemie vermag territoriale und körperliche Grenzen, generelle Innen/Außen-Unterscheidungen und Mikro-Makro-Maßstäbe zu problematisieren. Auffällig ist, dass parallel zu dieser topologischen und metaphorischen Interpretation der Epidemie und des Epidemischen, eine fokussierte Analyse der räumlichen Praktiken der wissenschaftlichen Epidemiologie lange Zeit ausblieb. Ausnahmen gab es vor allem in der Medizingeschichtsschreibung und Medizinischen Anthropologie. Die Dissertation nimmt die topologische Interpretation und das figurative Interesse an Epidemien auf der einen Seite und das geringere Interesse an den Techniken der wissenschaftlichen Epidemiologie auf der anderen Seite als produktive Herausforderung auf und geht zunächst von pluralen Epidemiologien aus. Ziel der Arbeit ist es, nach den technologischen Kontinuitäten zwischen diesen verschiedenen Epidemiologien zu fragen. Welche Techniken und figurativen Infrastrukturen haben sich auf der Seite der staatlichen Kontrollnetzwerke herausgebildet und in welchem Zusammenhang stehen sie mit der Popularisierung der Epidemie als operative Form und den damit verbundenen topologischen Phänomenotechniken? Zentral dabei sind die Techniken der Kartografie und die Algorithmen-gesteuerte Erkennung räumlicher Signale. Wichtige theoretische Inspirationen erhält die Dissertation aus den Bereichen der Medienwissenschaft und der Science und Technology Studies.