Janine Klemmt

Janine Klemmt ist Doktorandin am Graduiertenkolleg ‚Lose Verbindungen: Kollektivität im digitalen und urbanen Raum‘ der Universität Hamburg. Anhand dezentraler, inhaltlich selbstorganisierter Konferenzen (sogenannter BarCamps) untersucht sie in ihrer Dissertation die Funktionsweise von Plattformökonomien und die emotionale Funktionalität koinzidenter loser Verbindungen. Auf Theorieebene werden, an der Schnittstelle von Soziologie und Medienwissenschaft, Arbeiten von Eva Illouz zur ‚Psychologisierung der Gesellschaft‘ und von José van Dijck zur ‚platform society‘ verbunden sowie der ’neue Geist des Kapitalismus‘ (Boltanski und Chiapello) emotionssoziologisch interpretiert.

Den Master of Arts ‚Interdisziplinäre Medienwissenschaft‘ absolvierte Frau Klemmt ebenso wie ihr Bachelorstudium der Germanistik und Soziologie an der Universität Bielefeld. Sie lehrte an der Leibniz Universität Hannover am Institut für Soziologie.

 

Soziale Plattformen – offline

Lose Verbindungen und ihre emotionale Funktionalität in der Plattformökonomie anhand der teilnehmergenerierten Konferenz ‚BarCamp‘

Beim BarCamp, auf den Veranstaltungswebsites auch Un– oder Nichtkonferenz genannt, handelt es sich um ein relativ junges, unkonventionelles Konferenzkonzept, das sich durch seine dezentralisierte Organisationsweise auszeichnet. Keynote speaker oder ein vorab feststehendes Konferenzprogramm sind konzeptionell explizit nicht vorgesehen. Erst vor Ort schlagen die Teilnehmer (zuweilen auch als Teilgeber bezeichnet) Themen für die sogenannten Sessions, die Bausteine der Veranstaltung, vor.

Damit weist das BarCamp-Format Strukturanalogien zu Social-Media-Plattformen auf. Zwar wird der interaktive Rahmen (die Interaktionsplattform) der BarCamps von Organisatoren erstellt (analog zu den Administratoren von Social Media) – die Inhalte der ein- bis zweitägigen Konferenz werden jedoch von den Anwesenden (online von den User) selbst bestimmt (Stichwort: teilnehmergenerierte Inhalte). BarCamps werden daher auch als Ad-hoc-Konferenzen oder user generated conferences bezeichnet.

Daraus ergibt sich die Frage, wie die Ähnlichkeiten zwischen Social Media und selbstorganisierter Konferenz zu erklären sind. Nachforschungen haben ergeben, dass das Prinzip der selbstorganisierten Konferenz nicht durch eine Übersetzung von Social-Media-Logiken in den Konferenzbereich erklärbar, respektive nicht als Nachahmung dieser zu verstehen ist. Die selbstorganisierte Konferenz hat sich mit dem Open-Space-Format in Managementkreisen der USA schon in den 1980er-Jahren herausgebildet.

Feldforschung im Bereich der BarCamps, Analysen der Sessionthemen sowie eine Managementdiskursanalyse ergeben die Genese des Formats berücksichtigend, dass das plattformbasierte BarCamp viel mehr als Indikator für eine psychologisierte und emotionalisierte Arbeitskultur bzw. für einen „emotionale[n] Kapitalismus“ (Illouz 2016, S. 13) zu verstehen ist, welcher die „konventionelle Trennung zwischen einer emotionsfreien öffentlichen und einer mit Emotionen gesättigten privaten Sphäre“ (Illouz 2016, S. 12) infrage stellt.

Das aus Kalifornien stammende BarCamp-Format beruht, ebenso wie die großen Social-Media-Plattformen auf ‚connectication‘ (Kofferwort aus ‚connectivity‘ und ‚califormication‘): „[…] ‚connectication’ connotes the influx of California-based platforms into the various parts of the United States, Europe, and parts of Asia” (van Dijck 2015). Mit dem BarCamp hat sich ein Forschungsgegenstand gefunden, der es ermöglicht, auch unabhängig einer digitalen Infrastruktur zu einem tiefen Verständnis der Funktionsweise plattformbasierter Interaktionsräumen zu gelangen.

Mit den Arbeiten der Medienwissenschaftlerin José van Dijck zur ‚platform society‘ und der Soziologin Eva Illouz zur ‚Psychologisierung der Gesellschaft‘ sollen unter emotionssoziologischer Perspektive Mechanismen der Plattformökonomie erläutert sowie der ’neue Geist des Kapitalismus‘ (Boltanski und Chiapello 2013) anhand der Ergebnisse reinterpretiert und begrifflich erweitert werden. Wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll, sind es innerhalb der unternehmerischen Plattformökonomien gerade die losen Verbindungen, die dazu beitragen, Akteure zu binden.

Literatur

Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2013): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.

Illouz, Eva (2016): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. 6. Aufl. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

Van Dijck, José (2015): After Connectivity: The Era of Connectication. In: Social Media + Society. April bis Juni 2015 (1). doi: 10.1177/2056305115578873.