Christian Helge Peters

Christian Helge Peters, promoviert an der Universität Hamburg und war dort Promotionsstipendiat am Graduiertenkolleg „Lose Verbindungen“ (2015-2017). Seine Forschungsinteressen umfassen soziologische Theorien und Kulturtheorien, insbesondere poststrukturalistische Ansätze, den Pragmatismus und die neueren Diskussionen zu Affekten und Emotionen. Darüber hinaus arbeitet er zum New Materialism, Subjektivierungstheorien sowie zu den Governmentality Studies. In seiner Promotion entwickelt er eine soziologische Theorie der Affekte ausgehend von der deleuzschen Affekttheorie mit ihrer Unterscheidung zwischen Virtualität und Aktualität. Er hat seinen Master in „Gesellschaftstheorie“ (soziologische Theorie, politische Theorie und praktische Philosophie) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena abgeschlossen. Er ist und war Lehrbeauftragter für soziologische Theorie an den Universitäten Jena (04/2014-03/2016), Kassel (10/2014-03/2015) und Hamburg (seit 04/2015).

 

Modulationen: Virtualität – Aktualität

Elemente einer (pragmatistisch-)soziologischen Theorie der Affekte und Emotionen im Anschluss an Gilles Deleuze

Gilles Deleuze wurde und wird hauptsächlich im Bereich der Philosophie und teils auch der Literatur- und Kulturtheorie rezipiert und diskutiert. In diesen Feldern ist er sehr viel leichter anschlussfähig, hat er doch selbst seine Arbeit als Kunst und Philosophie verstanden und keinesfalls als Sozialwissenschaft, die ihm viel zu sehr nach sozialen Gesetzmäßigkeiten und festen Strukturen forschte. Im Gegensatz zu Michel Foucault bleibt eine breitere Diskussion von Deleuze in den Sozialwissenschaften deshalb bislang aus, obwohl sich Anzeichen für einen Wandel erkennen lassen. Gerade der deleuzsche Affektbegriff, der mich in meiner Dissertation interessiert, eröffnet aufgrund seiner immanenten Relationalität verschiedene Körper zu beeinflussen und zusammen zu bringen jedoch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Sozialen. Es ist genau dieser Beitrag, der mich in meiner Dissertation zentral interessiert. Mir geht es darum im Anschluss an Deleuze eine dezidiert soziologische Theorie des Affekts zu diskutieren.

Nach einer breiten Rezeption der philosophischen Affekttheorie im Anschluss an Gilles De­leuze und Brian Massumi besteht jedoch weiterhin ein zentrales Problem in dem unbe­stimmten und untertheoretisiertem Ver­hältnis von Affekten und dem Sozialen, Bedeutungsvollen oder Diskursiven, scheinen sie doch in ihren Arbeiten als zu dichotom konzipiert in keinem wechselseitigen Verhältnis zu stehen. Dies ist der entscheidende Grund, warum diese Affekttheorie bisher nicht ausreichend und tiefergehend in der (empirischen) Sozialforschung bearbeitet wurde.

Dieses Hauptproblem einer von mir angestrebten Soziologisierung der deuleuzschen Affekttheorie, also ihre „Übersetzung“ in die Soziologie wird in meinem 1. Kapitel in der feh­lenden Theoretisierung des Verhältnisses zwischen der „virtuellen“ und der „aktuellen“ Di­mension der Realität verortet. Seinen Affektbegriff entwickelt Deleuze ausgehend von dieser Unterscheidung. Die Virtualität bezeichnet im Verständnis von ihm und Massumi eine ontologische Ebene, die die Bedingung der zentralen Kräfte jeder sozialen Ent­wicklung ist und in der alle Entwicklungen der Realität bereits angelegt sind, ohne aber schon empirisch zu sein. Dennoch ist die Virtualität immanent zur Aktualität, weil sie sich in aktuellen Körpern ausdrückt und inkorporiert. Unter Aktualität versteht Deleuze hingegen die empirische, gegenwärtige, direkt wahrnehmbare und erfahrbare Dimension der Realität.

Meine Promotion entwickelt eine soziologische Theorie der Affekte ausgehend von diesem Verhältnis, das gerade die besondere Radikalität dieser Affekttheorie ausmacht. Dieses Verhältnis wurde im 1. Kapitel meiner Promotion bereits ausführlich ausgearbeitet und dabei der deleuzsche Affektbegriff ausgehend von seinem Körperbegriff bestimmt. Es ließ sich zeigen, dass sein Affektbegriff sehr viel tiefgründiger und umfassender ist, als er allgemein diskutiert wird. Die Radikalität des deleuzschen Affektbegriffs zeigt sich darin, dass Affekte eine Verbindung zum Virtuellen sowie Aktuellen ha­ben: Durch die Verbindung zum Virtuellen sind affektive Verbindungen durch un­kon­trol­lier­bare körperliche Prozesse, dynamische Verbindungs- und Ansteckungsprozesse sowie emer­gente Entwicklun­gen gekennzeichnet; das aktuelle Moment des Affekts sind die individuellen und gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich ein Affekt ausdrückt, und die die konkrete Wir­kung von Affekten modulieren. Der Körper nimmt dabei die entscheidende Rolle eines Mediators ein, in dem beide Ebenen oder Dimensionen „resonieren“ oder „kommunizieren“.

Deleuze konzentriert sich in seinen Arbeiten vor allem auf die Bewegung der „Aktualisie­rung“ eines Affekts, also den Einfluss des Virtuellen durch Affizierungen auf das Aktuelle, aus der sich die Kraft des Affekts als produktiv, dynamisch und autonom erklärt, wenn Affekte Körper quasi-automatisch versammeln, verbinden und dabei ihre Kräfte steigern oder verringern. Dabei erweckt Deleuze nicht selten den Eindruck, dass ein Affekt unbe­rührt und determinierend ist. Doch mit jeder Aktualisierung geht eine „Virtualisierung“ einher. Hiermit wird jener Prozess bezeichnet, während dessen die Aktualität die Komposition der Virtualität moduliert und damit verändert. So lassen sich selbst die ontologischen Bedingungen des Affekts, seine Virtualität gestalten.

Ausgehend von seiner Affekttheorie konnte aufgezeigt werden, dass Deleuze bereits erste Hinweise zu einem anderen Verständnis des Sozialen gibt, mithin selbst erste Soziologisierungen vornimmt, wenn er ein eigenes Verständnis von Körperlichkeit, Macht und gesellschaftlicher Ordnung mit ihren Wandlungsprozessen ausgehend von seiner ontologischen Bestimmung des Affekts entwickelt. Dieser Versuch bleibt letztlich aber problematisch. Als zentrale Probleme konnten ausgemacht werden, dass erstens Deleuzes Ontologie, von der aus er seinen Affektbegriff begründet, dazu verleitet ahistorisch zu sein, dass zweitens die Resonanz von Aktualisierungen und Virtualisierungen zu ungenau bleibt und dass drittens die Spezifika von Körpern in ihren unterschiedlichen Assemblages zu unbestimmt bleiben.

Ohne ein tiefergehendes Verständnis dieser Beziehung zwischen Virtualität und Aktualität bleibt die Bedeutung des Sozialen in der Affekttheorie unklar und damit ein möglicher Anschluss einer soziologischen Perspektive. Kapitel 2 dient dazu verschiedene Weiterführungen von Deleuze zu diskutieren, die an das Verhältnis von Virtualität und Aktualität anschließen, dabei letztlich aber zu einseitig bleiben, indem sie jeweils nur eine Seite betrachten, und damit die Radikalität der deleuzschen Gedanken verkennen. Exemplarisch werden hier die Arbeiten von Michael Hardt und Toni Negri, Ruth Leys und Margret Wetherell sowie von Levi Bryant als Abgrenzungsfolien für die eigene Argumentation diskutiert.

Das Ziel meiner Dissertation ist es dagegen jedoch gerade Elemente einer soziologischen Theorie des Affekts herauszuarbeiten, die nicht einseitig das Verhältnis von Virtualität und Aktualität auflöst, sondern an ihre Resonanz anschließt. Ich versuche so den deleuzianischen Affektbegriff zu soziologisieren. In den Kapiteln 3 und 4 diskutiere ich die Weiterentwicklungen der Theorie Deleuzes durch Brian Massumi und John Protevi, die jeweils Begrifflichkeiten entwickeln, die Anschlussfähigkeit für eine solche soziologische Theorie zu erleichtern. Gerade diese beiden Autoren entwickeln Deleuzes Theorie weiter hin zu einer immer soziologischeren Affekttheorie.

Zurzeit arbeite ich vor allem an Kapitel 3, habe aber teilweise auch schon Teile von Kapitel 4 und 2 geschrieben. Massumi ist besonders interessant, weil er Deleuzes Affekttheorie nochmal stärker systematisiert und die für mein Interesse wichtigsten Begriffe für einen soziologischen Anschluss nochmal konkretisiert. Er verortet den Affekt stärker in der Resonanz von Virtualität und Aktualität, betont den Körper als Mediator und das a-soziale Moment des Affekts. Die Probleme in seiner Theorie liegen jedoch darin, dass er zu wenig die Aktualität betrachtet, ganz im Gegenteil zu Protevi, bei dem die Virtualität eine zu geringe systematische Bedeutung einnimmt. Interessant ist Protevi, weil er ein dreiteiliges Ontologieverständnis entwickelt, indem er Aktualität, Intensität und Virtualität unterscheidet, und dabei betont, dass Affekte „embodied“ und „embedded“ sind und sowohl eine „somatische“ und „soziale“ als auch eine „objektive“ und „subjektive“ Seite haben. Mit den dabei gewonnenen Begriffen lassen sich letztlich soziologische Anschlüsse an die Affekttheorie von Deleuze finden, die um die Problemstellungen der Sinnlichkeit, des Körpers, der Interaktion und der Ordnung kreisen.

Nachdem diese exemplarischen Posi­tionen an­hand der vorge­schlagenen Begriffsspannung entfaltet wurden, soll der soziologische Pragmatismus, insbe­sondere im An­schluss an William James, John Dewey und Ervin Goffman als soziologi­scher Anschluss im 6. Kapitel stark gemacht werden, welches ich voraussichtlich in der ersten Hälfte des nächsten Jahres schreibe. Bis dahin sollen die anderen Kapitel abgeschlossen sein. Mit dem Pragmatismus gelingt es die Radikalität der philosophischen Affekt­theorie, die be­sonders in ihrer Ontologie liegt, ernst zu nehmen, mit ihr zu arbeiten und gleichzeitig die un­terbestimmte Position des Sozialen in affektiven Beziehungen zu entfalten. Die Stärke des Prag­matismus liegt darin, eine dezidiert sozio­logische Perspektive aus dem Verhältnis von Virtuali­tät und Aktualität entwickeln zu können. Zentrale Konzepte des Pragmatismus wie der Körper, Inter­aktionen und (Interaktions-)Ord­nung können in die Affekttheorie eingeführt werden, um die Dimension des Aktuellen genau­er zu bestimmen und dabei sehr viel besser Virtualisie­rungen begrifflich zu fassen. Gleichzeitig stoßen die Gedanken der hier verwendeten Affekt­theorien wiederum Veränderung in den Theorien des Pragmatismus an. Dieser wird um Elemente einer deleuzianischen (posthumanistischen) Körper- und Interaktionstheorie erweitert, die die Ereignishaftigkeit des Sozialen und die entscheidende Rolle von affektiven Ansteckungs- und Abstoßungsprozessen mitdenkt. So lässt sich am Pragmatis­mus exemplarisch zeigen, was soziologisch gewonnen wird, wenn eine Soziologie aus einer Affekttheorie mit ihrer Ontologie entwickelt wird.